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Allerheiligen

Am schönsten ist der Friedhof dann, wenn die Frommen und Guten in der Kirche sind,
- früh am Morgen - ,
das jedenfalls sind Annas sanfte Gedanken.

Nur die Tiere und die Toten sind zu dieser Stunde da.

Das sparsam bepflanzte Grab gefällt ihr.
Zwar hat der Gärtner die einst üppige Kiefer etwas zu sehr frisiert, der fernöstliche Touch ist ihm, wie es scheint, nicht ganz gelungen.
Doch die kleine, hübsche Grünpflanze, die sich in der einen Ecke an den Grabstein drückt, wehrt sich und versucht den 'Fauxpas' zu vertuschen, sie setzt sich gekonnt in Szene.

Der einzige Grabschmuck in der kalten Jahreszeit aber ist ein großer Kranz aus Tannenzweigen, nur mit ein paar Rispen knallroter Hagebutten besteckt.

Übrigens dieser Busch hatte sich gewehrt gegen das Abschneiden, Blutspuren hat er an den Händen der Diebin hinterlassen.

Sind Hagebutten vielleicht kleine, rote Vampire?

Anna genießt die Ruhe und freut sich über die Abdrücke von kleinen Pfötchen auf der Erde neben der Steinplatte, auf der der Name ihres Mannes eingemeißelt steht.

Auf diesem Grab kann man noch Erde sehen - viel Erde.
Hagebutten - Menue für eine Amsel
Hagebutten - Menue für eine Amsel
2004 (ca. 22,4 x 30,5 cm), Aquarell auf Papier

Die kleinen samtpfötigen Räuber haben sicher auf die Amseln gewartet.
Amseln lieben die herrlichen Früchte der Wildrose.
Sobald der erste Frost kommt, werden sie mit spitzen Schnäbeln aufgepickt. Dann bleiben nur noch die leeren Ästchen auf dem Tannenkranz übrig, doch auch dieses Wenige hat seinen Charme.

Ein Lied aus Kindertagen fällt Anna ein:

"Ein Männlein steht im Walde,
ganz still und stumm.
Es hat von lauter Purpur
ein Mäntlein um ..."

Sie schaut der brennenden Kerze zu, die sie in die Mitte des Kranzes gestellt hat und sie findet Spaß daran, wenn der Föhn die Flamme zittern und flattern lässt.

Zeit für Erinnerungen, die wach werden, für Zwiegespräche - solange die Einsamkeit noch spürbar ist, noch bevor die Geschäftigkeit der Friedhofsbesucher die Stille vertreibt.

Es werden riesige Gebinde herangeschleppt, die allerdings in den meisten Fällen wenig Feingefühl übrig gelassen haben. Hauptsache ist, man kann den Besitzer des Nachbargrabes ausstechen - die Verstorbenen können sich ja nicht mehr wehren und die Gärtnereien freuen sich.

Doch plötzlich und ganz
Friedhof - Heimsucher an Allerheiligen
Friedhof - Heimsucher an Allerheiligen
2004 (20,4 x 28 cm), Überarbeitete Radierung
unvermittelt kommt der Föhn. Er holt Annas abwegige Gedanken zurück, um mit ihnen durch die farbenprächtigen Blätter der Bäume zu fliegen und so mancher schon kahle Ast verwandelt sich in eine seltsame Gestalt, nur um ihre Phantasie zu beflügeln.

Es scheint, die Natur lässt eine wunderbare, grandiose Theaterkulisse auferstehen - zu Ehren der Vergänglichkeit.

Der übermütige Wind möchte Anna mit seinen Kapriolen amüsieren und verstreut die herbstliche Pracht erneut über die eben sorgsam gereinigten Gräber, so dass schon wieder ein 'Großputz' fällig wird.

Sie lacht, was bedeuten ihr schon die vorwurfsvollen Blicke, die sie treffen.

Sie weiß, nur die Freude und die Fröhlichkeit
Nicht was wir gelebt haben, ist das Leben, sondern das, was wir erinnern und wie wir es erinnern, um davon zu erzählen (Marquez)
Nicht was wir gelebt haben, ist das Leben, sondern das, was wir erinnern und wie wir es erinnern, um davon zu erzählen (Marquez)
2005 (30 x 40 cm), Fettkreide, Acryl auf Papier
schützen die Liebe, die nicht verloren gehen darf, auch nicht in der Ewigkeit.

© 2003 Ingeborg Hoven



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